Tibetgazelle – Einer der drei Arten der Kurzschwanzgazellen

Stehende TibetgazelleDie Tibetgazelle, deren wissenschaftlicher Name auch Procapra picticaudata lautet, ist zudem unter dem Namen Goa bekannt. Darüber hinaus ist diese Gazellenart die kleinste der Kurzschwanzgazellen. Ihr Lebensraum sind die alpinen Steppen und Wiesen des tibetanischen Hochlandes, wobei sie sogar noch in Höhenlagen von 5750 Metern und mehr anzutreffen ist. Dabei lebt die Tibetgazelle über das Jahr hinweg in Gruppen, die nach Geschlechtern getrennt sind und eher als klein bezeichnet werden können, so dass es hier durchaus Ähnlichkeiten zu den in Europa bekannten Rehen gibt. Nur zur Zeit der Paarung im Winter schließen sich die Tiere zusammen.

Fakten: Zur Tibetgazelle 
Lebensraum der TibetgazelleUnterordnung: Wiederkäuer
Familie: Hornträger
Gattung: Kurzschwanzgazellen
Verbreitung: Wenige Tausend Exemplare weltweit
Lebensraum: 99% aller Tiere leben in der Volksrepublik China
Nahrung: Überwiegend Hülsenfrüchte

Allgemeine Merkmale der Tibetgazelle

Goa GazelleAusgewachsene Tibetgazellen können eine Schulterhöhe von 54 cm bis etwa 65 cm erreichen, wobei die Kopf-Rumpf-Länge zwischen 91 cm und 105 cm betragen kann. Dabei erzielen ausgewachsene Tibetgazellen ein Gewicht zwischen 13 kg und 16 kg, die Schwanzlänge beträgt zwischen acht und zehn Zentimeter, was der Tibetgazelle auch die Zuordnung zu den so genannten Kurzschwanzgazellen eingebracht hat. Mit diesen körperlichen Eigenschaften ist diese Gazellenart auch etwas kleiner als die Przewalski-Gazelle oder die Mongolische Gazelle, so dass sie auch zu Recht als sehr schlank und sehr klein mit schlanken, langen Beinen und einem relativ kompakten Körperbau beschrieben wird. Zudem besitzen nur die männlichen Tibetgazellen Hörner, was ein Merkmal ist, dass auch die beiden anderen Gazellenarten der Gattung aufweisen. Allerdings gilt es als interessantes Detail, dass sich die beiden Geschlechter in Färbung des Fells und ihrer Größe sowie Statur ansonsten nicht oder nur sehr geringfügig unterscheiden.

Das Rückenfell der Tibetgazelle ist sehr dick und hat eine graubraune Färbung, die zudem eine silbrige Mellierung aufweist. Diese Melierung entsteht durch die hellen Haarspitzen. Anzumerken ist hierbei ebenfalls, dass das Fell der Tibetgazelle keine Unterwolle besitzt, wie das bei Arten mit notwendigerweise besserer Kälteanpassung durchaus üblich ist. Allerdings können die Deckhaare dagegen eine Länge von bis zu 38 mm annehmen und wechseln im Laufe der Jahreszeiten ebenfalls ihre Farbintensität. Im Sommer ist das Fell somit sandbraun, im Winter dagegen eher schiefergrau oder zumindest grau bzw. graubraun. Dazu besitzt die Tibetgazelle ein charakteristisch weißes Fell am Hinterleib und in der Gegend des Bauches sowie einen herzförmigen hellen Fleck am Rumpf. Der Schwanz dagegen besitzt eine schwarze Färbung und kann durchaus als struppig bezeichnet werden. Kommt es zu Aufregungen, so wird er zudem als Alarmzeichen gehoben. Die Schwanzunterseite ist vollkommen nackt. Das Gesicht und die Körperseiten weisen zudem ebenfalls keine charakteristischen Färbungen auf und sind auch ohne auffallende Zeichnungen oder sonstige Merkmale. Allerdings besitzt die Tibetgazelle Klauen, die vorn eher flach und an den rückwärtigen Partien abgerundet und weit sind, sowie stumpfe und große so genannte Afterklauen.

Ein weiteres Merkmal der Tibetgazellen sind die mit relativ langen Haaren ausgestattete Schnauze sowie die Büschel, die sich seitlich der Schnauze bilden. Diese ziehen sich auch bis nach hinten zu den Augen, wobei diese wiederum relativ groß sind. Darüber hinaus besitzen Tibetgazellen lange schmale Ohren, die zudem eine zugespitzte Form aufweisen. Die Hörner dieser Gazellenart besitzen einen Ansatz zwischen den Augen und verlaufen parallel. Allerdings weisen sie durch eine Krümmung nach oben auch einen Bogen auf, der nach unten gerichtet ist und in seiner Ausprägung natürlich auch von der Länge und Dicke der Hörner sowie damit dem Alter der Tiere abhängig ist. Trotzdem sind die Hörner der Tibetgazelle im Vergleich zu anderen Gattungsarten verhältnismäßig gerade geformt, wobei sie aber an den Spitzen trotzdem leicht auseinander stehen. Darüber hinaus sind die Hörner verhältnismäßig schlank und geriffelt, was auch als ein Merkmal der Tibetgazelle angesehen werden kann.

Trotzdem sind die allgemeinen Merkmale der Tibetgazellen nicht ganz eindeutig, wobei gerade in den Verbreitungsgebieten und deren Überschneidungszonen auch Verwechslungen mit anderen Gazellenarten vorkommen können. Betroffen von dieser Verwechslungegefahr sind also nicht nur die beiden anderen Kurzschwanzgazellenarten, sondern auch die Kropfgazelle, wobei bei dieser Gazellenart zudem auch die Weibchen Hörner besitzen, was ja bei der Tibetgazelle nicht der Fall ist. Allerdings muss hier auch angemerkt werden, dass nicht jede weibliche Kropfgazelle Hörner besitzen muss, so dass auch dies wiederum ein Verwechselungsmerkmal darstellt. Ein absolutes Unterscheidungsmerkmal ist allerdings die Körpergröße, denn die Tibetgazelle ist die auffallend kleinste Art unter den Kurzschwanzgazellen. Zudem ist sie natürlich weitaus leichter als die beiden anderen Arten, die Mongolische Gazelle und die Przewalski-Gazelle. Interessant ist darüber hinaus aber auch, dass die Tibetgazelle im Gegensatz zu den beiden anderen Arten auch den kleinsten und schmalsten Schädel besitzt, und natürlich auch die längsten, aber dafür dünnsten Hörner. Dagegen ist die Mongolische Gattung mit den kürzesten Hörnern und den dicksten Schädeln ausgestattet, so dass sich hierbei ein auffälliges Unterscheidungsmerkmal bietet.

Merkmale des Schädels und des Skeletts

KurzschwanzgazelleEbenfalls weisen Tibetgazellen interessante Merkmale in Bezug ihres Schädels und ihres Skeletts auf, denn schon der Schädel dieser Gazellenart besitzt eine leichte Bauart, wobei die hervorgehobenen Augenhöhlen vielleicht sogar das markanteste Merkmal sind. Die Basallänge des Schädels der Weibchen beträgt dabei zwischen 177 mm und 185 mm, die der Männchen zwischen 180 mm und 188 mm. Dazu beläuft sich die maximale Breite bei den Weibchen von 84 mm bis 88 mm und bei den Männchen von 91 mm bis 95 mm. In diesem Zusammenhang ist auch noch die Hirnschädellänge zu erwähnen, die bei den Weibchen zwischen 94 mm und 98 mm sowie bei den Männchen zwischen 99 mm und 102 mm beträgt. Dagegen sind die Nasenbeine der Weibchen zwischen 55 mm und 62 mm lang, die der Männchen dagegen zwischen 59 mm und 63 mm. Schon aus der Nennung dieser Maße ist ersichtlich, dass der Schädel der Männchen in der Regel größer und massiver ist als der Schädel der weiblichen Tiere, trotzdem kommt es auch hier durchaus zu Überschneidungen in Hinblick auf die Größenmerkmale. Die Hörner, die ja – wie erwähnt – nur bei den männlichen Tibetgazellen vorkommen, haben zudem eine Länge zwischen 26 cm bis 32 cm sowie eine Höhe zwischen 9,7 cm und 16,8 cm. Die Maximalbreite zwischen den Hörnern beträgt 12 cm bis 15 cm, allerdings sollte hier berücksichtigt werden, dass die Maße der Hörner durchaus regional variieren können.

Interessant ist zudem die Länge der Zahnreihe im Ober- und Unterkiefer. Diese beträgt im Unterkiefer etwa 45 mm und im Oberkiefer etwa 41 mm, wobei natürlich auch hier Unterschiede zwischen den Tieren möglich sind. Ebenfalls interessant ist, dass die Tibetgazelle pro Oberkieferhälfte nur zwei Vorbackenzähne und drei Backenzähne besitzt. Eckzähne oder Schneidezähne sind nicht vorhanden. Diese kommen nur im Unterkiefer vor, denn dort befinden sich in jeder Kieferhälfte drei Backenzähne, zwei Vorbackenzähne, ein Eckzahn und drei Schneidezähne. Zu bemerken ist weiterhin, dass Tibetgazellen als ausgewachsene Tiere einen Vorbackenzahn verlieren. Somit besitzt jedes gesunde Tier 30 Zähne.

Lebensraum und Verbreitung der Gazelle

In Bezug auf den Lebensraum und die Verbreitung der Tibetgazelle kann gleich zu Beginn angemerkt werden, dass die Tibetgazelle eigentlich nicht sesshaft ist, auch wenn ursprünglich über 99 Prozent der Weltbestände in der VR China beheimatet waren. Trotzdem gilt der chinesische Bestand an Tibetgazellen als einzige – ansatzweise sesshafte – Population überhaupt. Darüber hinaus kommen diese Gazellenarten beispielsweise im tibetanischen Hochland vor, was der Tibetgazelle auch zu ihrem Namen verhalf. Das Vebreitungsgebiet erstreckt sich dabei über das Autonome Gebiet Tibet (Xizang) sowie über einige Teile der chinesischen Provinzen Xinjiang und Quinghai. Aber auch in Ladakh sowie in Jammu und Kashmir, einem indischen Bundesstaat, sind Tibetgazellen beheimatet. Hier wird der aktuelle Bestand mit etwa 50 bis maximal 100 Tiere kalkuliert. Darüber hinaus findet eine zeitweise Einwanderung aus Tibet in das angrenzende indische Sikkim statt. Um wie viele Tiere es sich dabei handelt kann aber bisher nicht genau festgestellt werden.

Tibetgazellen leben dabei in erster Linie in Höhenlagen zwischen etwa 3000 m bis zu 3700 m, wobei aber auch in höheren Lagen schon Tiere gesichtet wurden. Immerhin steigen sie gelegentlich auf bis zu 5750 m Höhe. Das typische Gebiet der Tibetgazellen sind allerdings baumlose Wüsen sowie trockene und kalte Hochgebirgssteppen und Halbwüsten. Aber auch im montanen Gebüschland sind Tibetgazellen anzutreffen. Dabei kommen die Tiere innerhalb dieser Gebiete vor allem auf flachen Hochebenen, aber auch in bergigen Regionen vor. In zu steilem Gelände ist die Tibetgazelle dagegen nicht beheimatet. Darüber hinaus weist der Lebensraum dieser Gazellenart eine starke Sonneneinstrahlung und eine reduzierteSauerstoffverfügbarkeit auf. Im nördlichen Verbreitungsgebiet findet zudem ein Überlappung mit dem Vebreitungsgebiet der Przewalski-Gazelle statt, wobei die Tibetgazelle in diesem Fall die montanen Lebensräume der höher gelegenen Gebiete nutzt.

Lebensweise der Kurzschwanzgazelle

Bei der Tibetgazelle handelt es sich zudem um ein dämmerungsaktives Tier, dessen Lebensweise zwei Aktivitätsmaxima aufweist, die sich jeweils zu Beginn und zum Ende eines Tages befinden – eben in der Dämmerung am Morgen und am Abend. Die Dämmerung ist somit die Zeit, an denen die Tibetgazelle auf Nahrungssuche geht, was allerdings nicht ausschließt, dass es auch zu Aktivitäten zu anderen Tageszeiten kommen kann. In der Mittagszeit ruht diese Gazellenart. Zudem bildet die Tibetgazelle nur kleine Familiengruppen oder Klein- bzw. Kleinstherden von zwei bis maximal zehn Tieren. Nur zur Sommerwanderung schließen sich diese kleinen Verbände zu größeren Gruppen zusammen, wobei eine Herde dann durchaus auch 50 Tiere umfassen kann. Davon unabhängig bilden die männlichen und weiblichen Tiere jeweils mit den Jungtieren des eigenen Geschlechts auch eigene Gruppen, wobei sich diese Gruppenverbände nur zur Brunftzeit vermischen. In der Zeit von Dezember bis etwa Ende Februar sind somit auch gemischte Herden anzutreffen, die sich dann außerhalb der so genannten Brunftzeit wieder trennen. Außerhalb dieser zeitweiligen Zusammenschlüsse während der Paarungszeit oder während der Sommerwanderung sind vor allem männliche Tiere durchaus auch alleine anzutreffen. Interessant ist zudem, dass es im Gebiet der Überschneidung mit dem Lebensraum der Przewalski-Gazelle durchaus auch gemischte Gruppe aus beiden Arten geben kann, wobei sich diese gemischten Gruppen aus jeweils gleich vielen Tieren der jeweiligen Art zusammensetzen. In den Wintermonaten behinhalten diese so genannten Mischgruppen allerdings immer nur Männchen von jeweils einer der beiden Arten.

Die Ernährung der Tibetgazelle

In Bezug auf die Ernährung der Tibetgazellen sind nur wenige Untersuchungen wissenschaftlicher Art bekannt, so dass auch die Erkenntnisse eher als ungesichert gelten. Hier beruhen die Angaben in erster Linie auf Beobachtungen sowie auf Untersuchungen des so genannten Fäzes. Trotzdem sollte angemerkt werden, dass es deutliche Unterschiede zu anderen Formen von Weidegängern gibt, denn diese ernähren sich in erster Linie von den Seggen und Gräsern des tibetanischen Hochlandes. Gerade die spielen aber innerhalb der Ernährungsgewohnheiten der Tibetgazelle vor allem in den Sommermonaten nur eine sehr untergeordnete Rolle, denn diese Gazellenart ernährt sich – wie oben bereits erwähnt – vorrangig von Kräutern. Die Gräser und Seggen spielen dabei nur im Winter eine wirkliche Rolle, und zwar immer dann, wenn sich keine andere Nahrung mehr findet. Zudem ernährt sich die Tibetgazelle von Hülsenfrüchten. Gerade in den Wintermonaten kommt es aber auch immer wieder zu einer Konkurrenz um die Nahrungsmittel zwischen den Tibetgazellen und den überwinternden Hausschafen, die ebenfalls auf dem Hochplateau anzutreffen sind. Darüber hinaus ist das zur Verfügung stehende Futter auch sehr protein- und mineralstoffarm.

Fortpflanzung der Goa Gazelle

Auch über die Fortpflanzung und Entwicklung der Tibetgazellen beziehen sich die Aussagen und Erkenntnisse vorwiegend auf Beobachtungen, wobei die Geschlechtsreife der weiblichen Tiere in der Regel nach etwa 1,5 Jahren eintritt. Dies ist auch bei anderen Gazellenarten der Fall, so dass diese Aussage durchaus als gesichert gelten kann. Angaben über die Geschlechtsreife der männlichen Tiere liegen derzeit nicht vor. Die Paarung findet während der Wintermonate innerhalb der so genannten Brunftzeit, vor allem aber im Dezember, statt. Allerdings markieren die Männchen bereits außerhalb der eigentlichen Brunftzeit ihre späteren Reviere mit Kot und Urin sowie über spezifische Sekrete, die Duftstoffe enthalten und aus den Zwischenzehendrüsen abgesondert werden. Im Winter erfolgt dann während der Brunftzeit eine Auflösung der männlichen Tiergruppen, wobei die männlichen Tibetgazellen ihre Reviere teilweise erbittert verteidigen. Anschließend warten die dominierenden Männchen auf die weiblichen Herden, allerdings gibt es keine Beschreibungen zum eigentlichen Paarungsverhalten der Tiere. Hier wird also angenommen, dass dieses Verhalten dem der Przewalski-Gazelle ähnelt, die einen Art Paarungstanz aufführt.

Die Jungtiere werden dann nach einer Tragzeit von 5,5 bis 6 Monaten geboren und kommen in der Regel im Juni oder aber Anfang August zur Welt. In der Regel handelt es sich bei den Geburten der Tibetgazelle um Einzelgeburten, selten kann es aber auch zu Zwillingsgeburten kommen. Auch hier gibt es keine Angaben über die physischen Eigenschaften und das Verhaltend der Jungtiere. Bekannt ist nur, dass sich die Weibchen zur Geburt des Jungtieres von der Herde entfernen und einen geschützten Platz innerhalb eines Gebüsches aufsuchen. Dabei bleiben sie etwa zwei Wochen mit ihrem Nachwuchs alleine in dem Versteck, so dass die Anzahl der Tiere in den weiblichen Herden während der Sommermonate stark abnimmt.